Der Tod ist zweifellos auch ein kennzeichnendes Element für die Arbeit von Arnold Mario Dall’O. Ganz deutlich vor allem in der Reihe der einer Website entnommenen Leichenbildnisse, wo versucht wird, den Verstorbenen einen Namen zu geben, den namenlosen Toten, die stets viel zahlreicher sind als man sich vorstellen kann. Die Anonymität des Todes und jener Tode wird durch die Kunst aufgehoben, die eine Form des Gedächtnisses ist. Sie ist aber auch die Übertragung der Sprache der Bild-Dokumente in die Sprache der Bild-Monumente, die fortbestehen und die Zeit überdauern sollen. Seit Jahren arbeitet Dall’O daran, die Bilder des Banalen und Alltäglichen in etwas Anderes und Verschiedenes zu verwandeln. Er arbeitet mit den sogenannten Western Files, den visuellen Datenbanken unserer Gesellschaft, und indem er seine Werke zu Time Capsules macht. Er schafft Affinitäten, Ähnlichkeiten bei etwas, das sich schwertut, aus dem Fluss des häufig mit völlig banalen Dingen überfrachteten Web hervorzutreten. Viel Normales und eine Form, die nur ein Künstler findet, können zu Wegen werden, um die Erinnerung an eine Gleichzeitigkeit zu finden, in der die Kursabweichung, das Hinbewegen zu den Rändern der Gesellschaft der Hauptprozess ist.

Was dann passiert, ist, dass die Kraft der Kunst nicht nur imstande ist, einen Sinn zu geben, sondern auch in uns Betrachtern ein Interesse weckt, das wir sonst nicht hätten. Der Westen produziert Bilder von allem, vertraut sie einem digitalen Fluss an, der gerade wegen der Extrapolationsfähigkeit etwas Wichtiges zurückgibt. Es geht nicht darum, Ordnung zu schaffen oder zu katalogisieren, sondern Assoziationen herzustellen und dem, was sonst im Fluss der Zeit untergehen würde, Beständigkeit zu verleihen. Die Zensur durch Überinformation von Fotos und Nachrichten, die sich hinter der Geschwindigkeit des Konsums summieren und verstecken, findet auf der Leinwand eine Raum-Zeit-Schleife. Die Malerei organisiert die Abfälle, die Toten oder die beliebigen Bilder werden zu etwas, worüber man Betrachtungen anzustellen beginnt, sie erhalten die Würde eines Konzepts.

In erster Linie gibt Arnold Mario Dall’O der Aufnahme der Bilder, die aus dem Netz geholt werden, Zeit, denn die Malerei ist langsam, die digitalen Fotografien erstehen mit der Langsamkeit eines punktförmig gepinselten Gemäldes neu, wobei die Einheit netzhautmäßig wiederhergestellt wird. Andererseits nimmt er ein Blow-up vor, mittels dessen man die Wirklichkeit durch die Wolke oder Cloud oder Nuage der Malerei sieht. „The remains of clarity“ (Die Reste der Klarheit) von 2003–2006 ist eine Serie von Urs Lüthi, in der die vagen Reste des Lichts und der Dinge gesammelt werden. Dall’O arbeitet an der Figuration, ohne feste Umrisse zu zeichnen, er hüllt die Bilder in eine „probabilistische Wolke“, um einen wissenschaftlichen Begriff zu verwenden. Im Übrigen wissen wir, dass der Begriff Cloud etwas mit dem Gedächtnis zu tun hat, mit dem Speichern dessen, was von einer verloren gegangenen Klarheit gespeichert werden kann. Der Realismus und die Mimesis wohnen nicht mehr hier. Alles ist Teil einer Einheit, die mit der Zeit zerbröckelt, vergeht. Die Kunst ist eine Cloud, die für eine unvollständige Speicherung geeignet ist, sie hat die Unbestimmtheit und Unentschiedenheit, die die Formen der Kunst haben müssen, um weiterhin bestehen zu können, um weiterhin die Bilder bestehen lassen zu können, die Western Files, aus denen sie hervorgegangen sind. Der Speicher ist unvollständig, man muss Wesentliches auswählen, das vielleicht später enthalten sein wird.

Die Idee von Arnold Mario Dall’O, unterschiedliche Formenkategorien zu kombinieren, von den dekorativen Patterns zu den Bildern des Leichenschauhauses, von den Tiersymbolen zu den Sternenlandschaften, besagt, dass nur die Auswahl zählt, die der Künstler vornimmt. Die Wolke verbirgt, lässt die Umrisse verschwimmen, speichert aber Informationen, Spuren einer Gleichzeitigkeit, die aus den Bildschirmen verschwindet und in der Kunstrepublik eine endgültige Bleibe findet. Zum Schluss ergibt sich die Autobiografie aus diesen gekreuzten Blicken, aus den Entscheidungen, an dem Gesehenen zu arbeiten und es mit einer neuen Ausdrucksform neu zu interpretieren. Es geht vielleicht wieder darum, am Spiegel zu arbeiten, an der Spiegelbildlichkeit als Reflexion – in wörtlichem und metaphorischem Sinn – über die Welt. Doch während bei Lüthi der Körper und das Gesicht des Künstlers dessen Rolle und Funktion übernehmen, ist es bei Dall’O der Bildschirm, der zum Spiegel einer alles in den Vordergrund rückenden Wirklichkeit wird und der die Mehrfachsicht auf die unendliche Reihe visueller Ereignisse darstellt. Wichtig ist aber, dass stets und nur die Malerei beurteilt, was dieser Spiegel auf die Cloud übertragen soll, was gespeichert werden soll. Die Zeit für die Ausführung jedes Gemäldes, seine lange Vorbereitung, ermöglichen es, das Bild neu zu schaffen, ihm eine andere und neue Würde zu verleihen, die es vorher nicht hatte, weil es außerhalb der ästhetische Sphäre war. Die Zeit ist also ein Zustand der Erinnerung, so wie die Malerei ein geistiges Verfahren ist, um den Tod der Schnelligkeit des Vergessens und der Gleichgültigkeit der Zahlen zu entreißen.

 

 

 

 

 

First and foremost Arnold Mario Dall’O devotes time to the production of these pictures which are culled from the net, because painting is a ponderous process, the digital photographs re-emerge with the painstaking absence of speed of a picture painted dot by dot, but unity is restored when viewed by the retina. At other times he will take a blow-up and makes us see reality through the Wolke or cloud or nuage of painting. “The remains of clarity” from 2003–2006 is a series by Urs Lüthi, in which the vague remains of light and of objects have been grouped together. Dall’O is working on figuration, without drawing firm outlines, wrapping his pictures in a “probalistic cloud”, if we may use this scientific term. Incidentally, we know that the term Cloud has something to do with memory, with storing things rescued from what could formerly be clearly perceived with lost clarity. Realism and mimesis are now no longer to be found here. Everything is part of a unity which crumbles and fades away with time. Art is a Cloud, which is suitable only for partial storage, it is characterised by the absence of determination and decisiveness which is part and parcel of all forms of art if they are to continue to exist, if the images are to endure, these Western Files which gave rise to them. The store is defective, one has to select the items essential for possible inclusion at a later date.

Arnold Mario Dall’O’s idea of combining different categories of forms, from decorative patterns to pictures of the morgue, from symbols representing animals to starry landscapes, indicates that it is only the artist’s selection which matters. The cloud conceals, blurs the contours, but never fails to retain information, traces of a synchrony which disappears from the screens only to find a permanent home within the confines of the realm of art. Finally, the different perceptions, the decisions to work on what had been witnessed and to interpret it in through new manifestation, inevitably lead to autobiography. It may well refer back to the idea of working with the mirror, of using the mirror image as a reflection – of the world – in both the literal and metaphorical sense. But whilst Lüthi takes the body and the face of the artist to express this role and function, Dall’O uses the screen to mirror a reality, moving everything into the foreground, allowing him to demonstrate a multiplicity of aspects to a never-ending series of visual events. What is important however is that the only arbiter of what is to be transferred from this mirror to the Cloud, of what is to be stored, is the artist himself, and no one else. The time needed to fashion each painting, the long preparation, ensure that the picture can be created anew and imbue it with a new and different worth which had previously been absent, because, originally, it existed outside the aesthetic sphere. Time is therefore a function of memory, just as painting is a spiritual process for snatching death from the rapidity of oblivion and the indifference of statistics.

The way in which the works are displayed in the gallery emphasises further points of congruence. Lüthi’s pieces from the cycle “Small Monuments” in particular, i.e. those small-scale sculptures which refer to insignificant personal events and change our perception of what constitutes ‘monumentality’, assume a special bond with Dall’O’s paintings on aluminium. A sculpture which consists of barbed wire in the shape of three circles, near to a painting of a pair of shoes belonging to a corpse found in a valley in Lombardy, imbues the individual works with a sense of topicality and evokes images of emigration, of a death brought about by boundaries and the physical and psychological impossibility of overcoming them. Similarly, a large pixilated chandelier made up from small picture elements – like a decorative pattern – provides the background to a further “Small Monument”, with a self-portrait of the Swiss artist made from imitation porcelain and embellished with surreal and ironic details in gold leaf. This reference is reminiscent of the lavish decorations prevalent in the works of the Secession. High artistic culture meets news images, contemporary or recycled materials such as aluminium sheets used for offset-printing, which now serve as supports for paintings, confront the present. Reminiscences from the History of Art lend the works poetry and invest them with new meaning.