„Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“

 

Bei der Whitney Biennale in New York 1993 bekamen die Besucher einen Metallsticker ausgehändigt, auf dem geschrieben stand: I can’t imagine ever wanting to be white. Was übersetzt heißt: Ich kann mir nicht vorstellen, weiß sein zu wollen. Es handelte sich um eine Arbeit des Künstlers Daniel J. Martinez. Dieses wie auch andere in derselben kritischen Tonart organisierte Werke lösten viel negative Kritik und Polemiken aus, auch aufseiten der amerikanischen liberalen Presse. Die Whitney Biennale von 1993 ging also als die skandalumwittertste Kunstschau in die Geschichte ein.

Zum ersten Mal war der Großteil der teilnehmenden Künstler schwarzer Hautfarbe oder hispanischer Herkunft. Zudem bekannten sich einige offen zu ihrer Homosexualität. Die Komplexität und Differenziertheit der amerikanischen Gesellschaft wurde auf diese Weise ganz direkt in den Vordergrund gerückt. Der Schock für die Besucher bestand darin, zu akzeptieren, dass die Künstler und Kuratoren im Whitney Museum als Inbegriff des amerikanischen Museums – WASP oder White Anglosaxon Protestant – das andere Amerika zeigten: das Amerika der Slums, das Amerika von Harlem, die Ghettos von Chicago, die Obdachlosen, die Armen. Fast zwanzig Jahre sind seitdem vergangen, und inzwischen haben sich die Vorzeichen geändert. Die Kunst in den Vereinigten Staaten und in Europa besitzt immer noch die Fähigkeit, das Publikum zu polarisieren und kritischen Gedanken Raum zu geben, doch wir sehen Kunst mit einem größeren Mitwissen und mit mehr Reife, ohne uns von den Überlegungen, Analysen und teilweise auch Provokationen der Künstler und Künstlerinnen ärgern zu lassen. Eines hat sich allerdings nicht geändert: das alltägliche Bild des Elends, die Armut, die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich. Armut ist nämlich heute bei uns in Amerika immer noch ein Tabu, genauso wie 1993.

Mit seinem Werk Randstein rückt Arnold Mario Dall’O ein verdrängtes Bild aus unseren Straßen, ein Tabu-Bild, bewusst in den Vordergrund. Es zeigt einen Obdachlosen in einer europäischen Stadt. Es ist ein Bild, das der italienische Theologe und Mönch Enzo Bianchi als „obszön“ bezeichnet, also als etwas, das wir weder sehen noch akzeptieren wollen. Es ist obszön, weil das Bild der Armen unsere eigenen Ängste und die Furcht vor dem Anderen ans Licht bringt. Wie der Metallsticker von Daniel J. Martinez im Whitney Museum ist auch die Arbeit Randstein für den Betrachter ein schwieriges Werk. Die Frage, die uns der Künstler zu stellen scheint, ist nämlich, ob wir das Bild direkt anschauen können, ohne es zurückzuweisen und nicht so zu tun, als ob es nicht da wäre und als ob Armut nicht existieren würde.

Damit hat das Werk von Dall’O auch etwas Aggressives und Alarmierendes an sich, das einen Kontrast bildet zur Klarheit, Reinheit und Kostbarkeit des Südtiroler Marmors, den der Künstler hier in den Dienst der Repräsentation eines Motivs stellt, das wie der Obdachlose irritierend und schwierig ist. Es ist ein machtvolles, ja fast biblisches Werk, das den Betrachter zu einer radikalen Auseinandersetzung mit dem Anderssein des Armen zwingt. Bronislaw Geremek, einer der größten Kenner der Geschichte des europäischen Mittelalters um 900, in den 1990er Jahren polnischer Außenminister, dann Abgeordneter im EU-Parlament und Verfechter der Idee von Europa als einer nicht primär wirtschaftlichen, sondern politischen Union, hat in seinen grundlegenden Studien über die Armut vom Mittelalter bis zur Moderne aufgezeigt, wie die Veränderung der Haltung gegenüber Armut und Armen die Möglichkeit eröffnete, den langsamen und schwierigen Prozess der Herausbildung moderner Sozialpolitik in Europa zu vollziehen. Ihm zufolge ist das Verhalten der Mächtigen gegenüber den Ausgestoßenen, Pennern und Vagabunden der Gradmesser für die Entwicklung europäischer Zivilisation. Auf diesen Aspekt zielen mit ironischen Mitteln auch noch weitere Werke von Dall’O, so Karton1, eine Malerei in Farbe mit grellen barocken Verzierungen auf recycelter Industriepappe, die eine ganze Wand in einer Bank überzieht. Reichtum und Kostbarkeit erweisen sich hier als bloße Illusion und Fiktion, die Pappe als Material wirkt alarmierend und gemahnt uns abermals an Randstein und an die Kartons, mit denen sich die Obdachlosen in unseren Städten auf der Straße behelfen.

So, wie Randstein ein biblisches Bild des Armen heraufbeschwört, durchziehen noch weitere religiös konnotierte Symbole die Arbeiten von Dall’O in einer interessanten Reflexion auf halbem Wege zwischen Religion und Säkularisierung. In Achse bildet die unmittelbare Evidenz des christlichen Kreuz-Symbols einen Kontrast zum Material, mit dem die kleinen Spielzeugsoldaten aus Kunststoff überzogen sind. Der Verweis auf das Kreuz als Schauplatz von Konflikten und vielleicht auch Ängsten hat etwas Furchteinflößendes und Bedrohliches an sich. Aber gerade durch dieses Gefühl der Bedrohung, ja der Ohnmacht, das wir angesichts der Arbeiten von Dall’O in der hiesigen Ausstellung verspüren und nicht beherrschen können, versucht der Künstler kritische Zweifel über den gesellschaftlichen Nutzen unserer Arbeit und unseres Tuns zu säen. So auch im Video Costruire, wo eine halbnackte Frau eine Burg aus Pappkartons baut, die zusammenstürzt, worauf sie wieder von vorne anfängt, endlos, ohne dass ihr Tun irgendeinen Sinn ergibt.

Im Katalog der Whitney Biennale von 1993 schreibt der amerikanische Kunstkritiker Homi Bhabha, dass die amerikanische Kunst in dieser Ausstellung einen dunklen, schwierigen Überlebenssinn der amerikanischen Gesellschaft jener Jahre widerspiegelt, die Ungerechtigkeit und Armut prägen. So lädt vielleicht auch Dall’O zum Nachdenken über die schwierigen Zeichen ein, die uns aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft im heutigen Europa ausgesendet werden. Jedenfalls tut er das in einem Bankgebäude mit einem Zitat von Brecht, der in seiner Dreigroschenoper drei Fragen stellt: „Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes?“ Dall’O gelingt dies mit einer Mischung aus Ironie und Warnung in der Zusammenführung zweier paradoxer Räume, dem Cashflow oder „Geldfluss“ einer Bank einerseits und der ebenso dringlichen wie dramatischen Repräsentation von Armut und Sakralem andererseits.