Die Gabe das Staunen nicht verlernt zu haben, ist der Ursprung des Schaffens von Arnold Mario Dall’O. Das sich wundern können über die Dinge des Alltags, die Aufmerksamkeit und Konzentration im Tun und Erleben – einst für das Überleben notwendige Merkmale – sind in einer digitalen von Schnelllebigkeit dominierten Welt ein verkümmerndes geistiges Werkzeug geworden, das weder die Existenz noch das Weiterkommen sichert. Rasche halbherzige Entscheidungen, die gegebenenfalls korrigiert werden können, oberflächliches Denken und Tun gelten in der Neuzeit als die Schlagworte für Erfolg und sind auf dem Markt relevanter als Bedächtigkeit im Handeln und Perfektionismus in der Ausführung. Bilder und Worte werden in Nanosekunden am Bildschirm aufgerufen und wieder gelöscht. Was eben noch da war, was einen flüchtigen Blick wert war, wird in Bruchteilen zur Nichtigkeit und versiegt im unendlichen digitalen Datensumpf.
Umso rarer ist, die vom Aussterben bedrohte Fähigkeit des scharfsinnigen Hinschauens. Arnold Mario Dall’O vermag es, die kindliche angeborene Neugierde und das bewusste Sehen zu wahren.
Das leidenschaftliche Entdecken des Besonderen im Gewöhnlichen, das Verhaften im Detail, das Filtern und Dekonstruieren, das Sortieren und Archivieren, um schließlich daraus einzelne Teile zu neuen Größen zusammenzubauen, sind der Nukleus seiner künstlerischen Arbeit. Der angelegte Fundus, aus dem der Künstler schöpft, ist die Reflexion einer subjektiven Selektion empirischer Sinneseindrücke aus Fotos, Objekten, Erinnerungen und Visionen. Diese durch das Prinzip des Zufälligen ihm zu eigen gewordenen Bilder und Objekte, die er entweder über Jahrzehnte materiell oder als lebenslänglich gesammelte Erinnerungen gespeichert hat, rekonstruiert Dall’O neue visuelle Welten, die ihren eigenen Normen folgen. Was vorher nicht zusammengehört hat, führt durch Zerfallen lassen und Neuordnen von Regeln dazu, dass aus Wohlbekanntem Neuartiges und umgekehrt Fremdes zu Vertrautem wird.

Das Experimentieren mit dem Ineinandergreifen, der Austauschbarkeit sowie der Gegensätzlichkeit von technischen Verfahren und handwerklichen Prozessen sind die Kernkompetenzen Dall‘Os Forschungsarbeit. Um die Extreme zwischen Technik und Handarbeit zu durchdringen, bedient er sich der Rastergrafik – der Aneinanderreihung von Bildpunkten – als Vorlage. Doch werden Dall’Os Rasterbilder nicht am Drucker reproduziert, sondern als additive Pixel mit einem Pinsel Punkt um Punkt und Stunde um Stunde auf Papier gemalen. Was die moderne Technik mühelos und fehlerfrei in einem Wimpernschlag ausführt, wird durch die Handarbeit zeitlich um ein vielfaches ausgedehnt und jeder Ausrutscher, jedes Zittern, jede Ablenkung zur Abweichung des digital 1000-fach Reproduzierbaren. Während beim digitalen Abdruck ein Datencode den Arbeitsablauf steuert, wird dieser im Schaffen von Dall’O zur manuell ausgeführten Fertigkeit. Der Faktor Zeit wird gestreckt und die Frage der Wertigkeiten zwischen Aufwand und Motiv neu definiert.
Ähnlich wie in seinen zweidimensionalen Werken spielt der Künstler auch bei seinen Objekten mit der Wirkung von Veränderbarkeit durch die Materialität. Ein Siloballen, der in der kommerzielleren Agrarwirtschaft zum gewohnten Landschaftsbild gehört, wird durch das Gießen in Bronze oder Aluminium zum Mutanten. Nicht selten bevölkern Miniatursoldaten Gebrauchsgegenstände, sodaß diese ihrer ursprünglichen Ordnung enthoben und einer zweckentfremdeten Bedeutung zugeführt werden.
Dieses neckische Ausloten von Wirkung und Ordnung gelingt durch eine vom Künstler inszenierte sinnliche Verführung, indem er durch Auseinandernehmen, Verschieben oder Umwandlung neue Schnittstellen der Wahrnehmung freimacht. Nur dadurch gelingt es ihm, dem antrainierten Rasterdenken, basierend auf scheinbar fixen Systeme aus Logik und Regelwerken, den rationalen Boden unter den Füßen aufzuweichen und das Empfinden für das Beiläufige zu schärfen um mit Begeisterung im Ungewissen verortet sein zu können.